De Seminex

Geschwisterliebe

Also verbrachte ich einige Tage mit meinen Geschwistern und meinem hochverehrten Progenitore. Ich hatte mir sehnlichst erwünscht, dass dieses Treffen, vielleicht das letzte seiner Art, sich so gestalten würde, wie unser früheres Beisammensein. Klara würde für Unterhaltung sorgen und ich würde mit meinem Bruder schon bald in philosophischen Diskussionen verwickelt das milde Lächeln unseres Vaters erkennen, das er trägt, wenn sich seine Kinder Mühe geben, ihre Klugheit auf die Probe zu stellen. Wie sehr hatte ich mir gewünscht all dies noch einmal zu erleben, noch einmal zu erfahren, wie es war, bevor meine Schwester die üblen Gestalten des Pariser Hofes und mein Bruder die Schrecken Neuspaniens kennenlernten. Dies, so hatte ich mir erhofft, hätte mein Herz zum schlagen bringen können, allein, es war mir nicht vergönnt. Eine Atmosphäre der Intrige und der Grausamkeit lag in der Luft – meine Geschwister bissig, mein Progenitore müde. Ich hätte wachsamer sein sollen, doch die kleine Heerschar an Ghoulen, für die ich nun Verantwortung trug, ermattete meinen Willen und sonst schneidigen Geist und ich konnte kaum die Anwesenheit der starken Tiere meiner Geschwister ertragen.
Dann erwachte ich in einem rasenden Rausch, mit einem entsetzlichen Schmerz in meiner Brust, der mich zu zerfetzen drohte. Etwas in mir war vernichtet worden und durch die Wände meines Zimmers konnte ich das Toben und Heulen meiner Blutsgeschwister hören. Die schlimmste Nacht meines bisherigen Unlebens sollte beginnen.

View
Zweiter Akt

Endlich erreichen wir unter dunklen Vorzeichen das kleine, düstere Schlösschen meines Progenitores. Es ist auf dem Zorrilla gelegen, mit nur einer winzigen Gemeinde in der Nähe, in der man seinen Durst stillen kann. Es ist äußerst verborgen und da mein Progenitore dafür gesorgt hat, dass sich üble Legenden um den Ort ranken, wird es von niemandem aufgesucht. Das Geschickteste war es, meiner bescheidenen Meinung nach, dass er für die Legende gesorgt hat, den Namen des Schlosses zu erwähnen, bringe Unglück. Ich selbst gehe dieser Praxis nach, einfältig wie ich bin, und erwähne niemals seinen wahren Namen.
Das Schloss besteht aus drei Gebäuden, die sich allesamt in jämmerlichem Zustand befinden. Halb verfallen ist vor allem das Gesindehaus, es hat praktisch keinen Nutzen mehr. Die Ställe können ihrem Zwecke noch nachkommen, solang kein Sturm wütet. Das Haupthaus ist noch einigermaßen gepflegt, wenngleich der Zahn der Zeit schon mehr als ein wenig davon gekostet hat. Der Haupteingang zeugt noch von der einst aufwändigen Machart und dem opulenten Stuck, die hier einst Besucher erblassen ließen. Gesinde hat das Schloss noch immer strikt durch den Hintereingang zu betreten und zu verlassen. Für sie sind nun Quartiere in der Nähe der Küchen und Arbeitsräume im hinteren Bereich des Gebäudes eingerichtet, karg, wie ich hörte. Mittig im Erdgeschoß gelegen und bis in den ersten Stock hinausgehend ist der Ballsaal mit seiner wundervollen Gallerie. Ein Zwischenstock in Form eines Balkons befindet sich auf dessen Rückseite. Er ist nur von der Gallerie zu betreten und wird meistens von Musikern eingenommen, die von dort aus eine fantastische Euphonie zu ertönen imstande waren. Für das folgende Fest hatte mein Progenitore einen Kastratenchor beschworen, der angeleitet war, die ganze Nacht zu singen. Ein übliches Ausleseverfahren fand währenddessen statt: Nach und nach würden die Knaben vor Erschöpfung in Ohnmacht fallen, wer am längsten stand, hatte sich einen permanenten Platz im Chor meiner Blutschwester Klarabella gesichert. Sie akzeptierte nur Exzellenz, Leidenschaft und absolute Hingabe. Wie erwartet war nicht nur mein Progenitore mit seiner Folgschaft anwesend, sondern auch meine Blutschwester, die mich überschwänglich begrüßte. Seine Lordschaft, mein Blutsbruder Bernardo war weniger überschwänglich, gab sich aber Mühe seinen Gram vor unserem Progenitore zu verbergen. Er sollte sich in den folgenden Stunden jedoch in Zweisamkeit dazu hinreißen lassen, mir allerlei Unflat zu verbalisieren, das ich, ganz und gar nicht meiner Art entsprechend, immer ignorierte. Ich wollte unsere katastrophale Beziehung nicht noch mehr strapazieren, zumal nicht Heute…

View
Prolog

Prolog

Der Architekt meldet sich nach einigen Monaten zurück. Er hat, wie empfohlen die Unterkünfte des Doktor Boggins inspiziert und dabei auch eine Menge Bücher sichergestellt. Er hatte angefangen einige davon zu lesen, als er eines entdeckte, das er für besonders interessant hielt. Nach seiner Lektüre hatte er umgehend mit euch Kontakt aufgenommen um euch dieses Buch zukommen zu lassen. Er sagte, es sei vielleicht wissenswertes darin enthalten, was euch ermöglichen könnte, die Macht in der Stadt an euch zu reißen, so dass in Zukunft bessere Verhältnisse zwischen Magiern und Vampiren herrschen würden. Bei einer ersten Inspektion des Buches stellt ihr fest, es handelt sich um einer Art Journal, von niemand geringerem geschrieben als Prinz Augusto Vidal selbst. Der Titel dieser Abhandlung: De seminex – von den Halbtoten. Begierig beginnt ihr eure Lektüre:

1. August 1750 im Jahre des Herrn, Gibraltar

Als neues, nun ehrenwertes Mitglied der Lancea Sancta, nehme ich sogleich meine Pflicht auf, den Orden zu fördern, indem ich diese Abhandlung beginne. Sie soll handeln von meinen Erkenntnissen über den Gebrauch von Dienern, insbesondere dem von Ghoulen. Meine Absicht ist hier, alles was eine besondere Gruppe von Dienern tut, festzuhalten und wahrheitsgetreu zu berichten von ihren Vorgehensweisen, Erfolgen und Misserfolgen. Dies ist ein Journal, es soll mir zur Vorlage dienen, nach Abschluss dieser Tätigkeiten, sobald der letzte meiner Diener das zeitliche gesegnet hat, ein Werk über die beste Verwendung von Dienern zu verfertigen.
Heute war meine Blutkommunion, seit der ich meinen neuen Namen trage. Sie fand statt in der heiligen Kirche der Einswerdung mit Seinem Fleische hier in Gibraltar. Als Geschenke erhielt ich von meinen Gönnern eine Reihe ausgezeichneter Diener, über die ich recht hoch erfreut bin. Infolgedessen bin ich meinen Gönnern, die auch gleichzeitig meine Fürsprecher sind, schuldig, aber mit einer so stattlichen Ausstattung kann mir kein Auftrag zu schwer sein. Mein Progenitore lädt mich morgen Nacht zu einer Feier auf sein Castillo außerhalb der Stadt ein. Er sagt, er habe noch eine Überraschung für mich. Ich kann mir schon vorstellen, dass er damit meine Blutsgeschwister meint, die, wie ich hörte, angereist sind. Selbst mein Bruder Bernardo ist aus Neuspanien hierher gekommen, ein Umstand der mich vermuten lässt, dass nicht ich alleine der Grund dieses Treffens bin. Ich bin der jüngste aber auch der beliebteste Nachkomme meines Progenitores, was sowohl Bernardo als auch Klarabella, meiner Blutsschwester, nicht eben gefällt. Aber nun zu Erfreulichem, meiner neuen Dienerschaft:

In feierlicher Zeremonie wurden mir heute Nacht die folgenden Personen überantwortet:
Jose Fernando de Lira SJ ist ein Jesuit und Agent seiner Exzellenz, der einen mehrjährigen Auftrag für den Ministro de Espionaje in Japan zu voller Zufriedenheit erledigte. Er ist ein Geschenk meines Fürsprechers und Freundes Aquaviva, dem ich zu großem Danke verpflichtet bin.
Antoine-Vincent Arnault, ein universalgelehrter Franzose, der schon einige Zeit in den Diensten der Lancea Sancta ist, wurde mir von Giscard Picoh in seinem Nachlass überlassen. Zu einem späteren Zeitpunkt muss ich herausfinden, wie Picoh vernichtet wurde. Arnault fordert ketzerische Gelehrte zum Duell, wenn ihnen anders nicht beizukommen ist.
Die Marquise de Tourvel ist ein Geschenk meines Idols Prinz Nascall du Chuhr aus Marseilles. Sie hatte Kontakt zu Ketzern und, da sie selbst sich einmal zu ihnen zählte, kennt ihre Methoden und Denkweisen, so dass ich auf sie zurückgreifen kann, um effektiv gegen Ketzer vorzugehen.
Alexander Arkadjewitsch Rymniksky, ein russischer Adliger und Obrist ist ein Geschenk des Karl von Voß, einem bayerischen Glaubensbruder und Blutsverwandten. Der Krieg hat dem äußerst widerstandsfähigen Alejandro (wie ich ihn nenne) allerlei Torturen aufgezwungen um dessen Widerstandsfähigkeit zu testen. Es stellte sich heraus, dass er jeder Qual mit seinem eisernen Willen und Glauben standhielt und schließlich hatte Voß Mitleid mit ihm. Nun soll der Feldherr für meinen Schutz sorgen.
Joseph Franz Maximilian von Lobkowitz zu Sagan ist ein landloser österreichischer Adliger und guter Seemann. Carbunculus, die dunkle Legende, fand ihn per Zufall und überantwortet ihn nun mir, da er sich nur ungern Dienern bedient. Womöglich wird er mein Schiff steuern können, wenn ich in einigen Jahren die Studien beendet habe und ein paar Reisen unternehmen muss.
Karl Friedrich Scherer ist ein gemarterter Arzt, der sich bereits als Spion für Gottes Sache verdient gemacht hat. Ich bin mir noch nicht sicher, wofür er mir nützlich sein können wird, aber zumindest wird er wohl das Leben der anderen Ghoule verlängern können.
Linus Akensson wurde mir von Jacob Gråberg, einem weiteren Brieffreund von mir, vermittelt. Er wird sich wohl vor allem auf Reisen bezahlt machen, da er lange bei den Preußischen Jägern und Grenadieren diente und daher gut vertraut mit der Natur ist.

Nach den Zeremonien machte ich mich also mit meinen neuen Dienern kurz vertraut und band sie an mich. Noch in derselben Nacht machte ich mich dann mit ihnen zusammen auf den Weg zum Castillo meines Progenitores…

View

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.